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Bodybuilding-Legenden: Clarence Clancy Ross

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Als MuscleMag-Herausgeber Robert Kennedy († 2012) nach dem Zweiten Weltkrieg an der Kunstschule studierte, war es der sagenhafte Körper von Clancy Ross, der ihm die Inspirationen gab.

Am 28. Juli 1945 krachte ein B-25-Bomber in das Empire State Building. Am 6. August kapitulierte Japan, nachdem Atombomben die Städte Hiroshima und Nagasaki verwüstet hatten. Damit war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Im selben Jahr wurde Rocky Graziano „Boxer des Jahres“ und die New York Yankees wurden an Dan Topping, Larry MacPhail und Del Webb verkauft. F.D. Roosevelt starb und Harry S. Truman wurde sein Nachfolger als US-Präsident. Clancy Ross holte sich den Mr. America-Titel der AAU (Amateur Athletic Union). Wenn jemand vom Waisen zum König wird, ist das immer Stoff für ein Märchen. Diese Geschichte ist aber wahr, wenn man es mit den Begriffen „Waise“ und „König“ nicht allzu genau nimmt.

The King of Bodybuilders

Der legendäre Bodybuilder und Trainer Leo Stern (der unter anderem Bill Pearl trainierte) sagte einst über Clancy Ross: „Er hat aus dem Wenigsten das Meiste gemacht.“ So wurde Clancy, dem nicht mal eine großartige Genetik zu eigen war, in der Goldenen Ära zu Recht als „The King of Bodybuilders“ bekannt. Clancy fing so bescheiden an, dass er der ideale Werbeträger für die berühmte Werbekampagne von Charles Atlas gewesen wäre – der legendäre 45-Kilo-Schwächling aus dem Comic [siehe Teil 1: Die Evolution des Bodybuilding, Anm. d. Red.]. Auf jeden Fall ist überliefert, dass die anderen Kinder ihn einst „Storchenbein“ nannten.

Aber Clancy sollte zuletzt lachen: Er schaffte es an die Spitze des Wettkampf-Bodybuilding – und das zu einer Zeit, als niemand mit chemischen Hilfsmitteln oder Trainingshilfen wie etwa speziellen Bankdrück-Shirts aufwarten konnte.

Clancy Ross wurde am 26. Oktober 1923 als Sohn von Jeannette und Hershel Ross in Oakland in Kalifornien geboren. Clancys Großvater war ursprünglich aus Deutschland in die USA geflohen und hatte dabei seine Schuhfabrik zurücklassen müssen. Clancy hatte auch zwei Brüder – Art und Roy – und eine Schwester namens Kay. Seine Eltern trennten sich, als er noch klein war, und kurz darauf starb seine Mutter. Daraufhin verbrachte Clancy sechs Jahre in einem Waisenhaus und dann elf Jahre in verschiedenen Pflegeheimen. Nach diversen Verlegungen wurde er schließlich von einem Ehepaar aufgenommen, das sich um ihn kümmerte. Er ging in Alameda nahe Oakland zur Schule, anschließend zur Oakland Highschool, und wurde dort ein guter Sportler. Als junger Mann versuchte er sich an den verschiedensten Tätigkeiten, um ein paar Dollar zu verdienen, und heiratete bereits mit 18 Jahren in Las Vegas seine Frau Jackie. Sie schenkte ihm eine Tochter – Carol Lynn. Clancy hatte immer gern Sport getrieben, er war ein hervorragender Universalsportler. Ein Freund brachte ihn schließlich zum Gewichtstraining. Dort konzentrierte er sich vor allem auf die Kniebeugen, die er ohne Ende machte, um endlich den Spitznamen „Storchenbein“ loszuwerden. Selbst mit recht einfachem Training konnte er ordentliche Zuwächse verbuchen.

Mr. America

Als er zur United States Air Force ging, wurde er in Las Vegas stationiert. Dort traf er zum ersten Mal Leo Stern, der damals als Sportlehrer auf dem Luftwaffen-Stützpunkt diente. Clancy machte sofort beim Fitnesstraining mit, trainierte hart und schwer und konnte unter dem erfahrenen Stern einen großartigen Körper aufbauen. So gewann er 1945 unter der Anleitung von Stern den Mr. America der AAU und wurde zudem für die „besteBrust“ und den „muskulösesten Körper“ ausgezeichnet. Im Jahr darauf gewann er den Pro Mr. America in San Francisco. 1948 und 1949 avancierte er sogar zu einem von nur zwei Männern, die den legendären Steve Reeves nicht nur einmal, sondern sogar zweimal schlagen konnten: Zunächst gewann er vor Reeves (2.) den Mr. USA. Ein Jahr später wurde Clancy bei diesem Wettbewerb Zweiter hinter John Grimek, Reeves wurde Dritter. Diese epische Schlacht fand im Los Angeles Shrine vor 6600 (!) begeisterten Zuschauern statt [mehr dazu in Teil 1: Die Evolution des Bodybuilding, Anm. d. Red.].
1949 gewann Clancy auch den Mr. North America und schrieb erneut Geschichte: Er war einer der ersten professionellen Bodybuilder, die einen Geldpreis von 1000 Dollar einstreichen konnten. Um das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, betrieb Clancy mehrere Fitness-Studios.

Das erste, das er im Januar 1946 eröffnete, lief zehn Jahre lang. Während dieser glücklichen, erfolgreichen Jahre traf sich Clancy oft mit Jack LaLanne, Jack Dellinger und anderen Bodybuildern in Sunny Cove in Alameda, um sich zu bräunen, zu schwimmen und zu surfen. In jener Zeit erschien er auch häufig in Joe Weiders Magazinen „Your Physique“ und „Muscle Power“ – nicht nur als posendes Model, sondern auch als Autor (unmittelbar Weider unterstellt, arbeitete er dort als Redakteur). So wie die York Barbell Company seinen Rivalen John Grimek einsetzte, nutzte Weider den Ruhm von Clancy. Er erschien häufig auf den Titeln der Magazine, in der Regel fotografiert von Russ Warner, der damaligen „grauen Eminenz“ unter den Fotografen. Warners Fotos machten Clancy damals berühmt.

Nach seiner Scheidung (die erste Ehe hatte zehn Jahre gehalten) traf er Lois, die später seine zweite Frau werden sollte. Sie war eine höchst attraktive Frau, die das Leben und vor allem Motorräder liebte. Die beiden trafen sich in der Cocktailbar, wo Lois damals arbeitete, und führten eine lange und glückliche Beziehung. Zusammen hatten sie zwei Kinder: Lance wurde 1961 geboren und Darcy Lee 1965. Lois sagte über Clancy: „Er war tadellos und ordentlich, er konnte nähen und bügeln. Er fehlte keinen Tag bei der Arbeit, und er fluchte, trank und rauchte nie. Er spielte gern mit den Kindern und wurde ein Könner auf SPORTREVUE 97 Clancy, Tommy Kono und Bill Pearl Roller Skates.“ Die beiden besaßen diverse Haustiere. Lois berichtete: „Clancy liebte Katzen und brachte immer wieder einen Streuner mit, den er unterwegs aufgelesen hatte.“

Gesellschaftliches Leben

Clancy Ross war in der Tat ein Champion – nicht nur im Sport, sondern auch im Leben. Mit seiner Einstellung war er eine Inspiration für eine neue Generation aufstrebender Bodybuilder. Die Musik liebte er auch: Er hatte ein Faible für Jazz, in der traditionellen wie auch der progressiven Variante, und er galt als flotter Tänzer. Mit der Musik und der fröhlichen Lebensart kam es zu vielen Partys. Die beiden führten ein reiches gesellschaftliches Leben. Zudem unterrichtete er noch an der Sonntagsschule in der Gemeinde. Natürlich war auch den Talentscouts in Hollywood sein erstaunlicher Körper nicht entgangen.
So trat Clancy in mehreren Filmen auf, unter anderem in „The Piano Mover“ und „So You Want to be a Muscleman“ (1949). Er war auch für die Rollen „Tarzan“ und „Superman“ sowie als Privatdetektiv „Sam Spade“ („Die Spur des Falken“) im Gespräch. Das lehnte Clancy jedoch ab. Er wollte sich weder zu sehr festlegen noch allzu oft von zu Hause abwesend sein. Sein wahres Interesse galt weiterhin dem Bodybuilding.

Er verkaufte sein „Clarence Ross P.C. Studio“ und arbeitete fortan für die „American Health“- Studiokette. Clancy kam überall gut an, die Leute mochten und respektierten ihn stets. Und selbst Menschen, die ihn nie persönlich getroffen hatten, sondern nur die Bilder aus den Muskelmagazinen kannten, fühlten sich zu ihm hingezogen. Er hatte einfach einen enormen Sympathiefaktor. Er war Bodybuilder durch und durch, er trainierte hart in einer aufregenden Zeit der Entdeckungen, als Begriffe wie Sätze und Splits sich noch nicht allgemein durchgesetzt hatten. Wenn man bedenkt, dass er vor über 50 Jahren zu seinen Wettbewerben angetreten war, schaffte er außerordentliche Gewichte. Er war berühmt für seine riesigen Brustmuskeln und machte regelmäßig Kurzhanteldrücken mit Hanteln jenseits der 60-Kilo-Marke, zehn Wiederholungen Kniebeugen mit 205 Kilo und Kreuzheben mit 295 Kilo. Auch als Gewichtheber war er nicht schlecht: Er schaffte 127 Kilo beim Reißen, 142 Kilo beim Frontdrücken in guter Form und 163 Kilo beim Umsetzen und Stoßen. Dazu machte er abgefälschte Curls mit 90 Kilo über zehn Wiederholungen.

Und da wir von seinen beeindruckenden Brustmuskeln sprachen: Auf der Schrägbank schaffte er sogar Sätze mit zehn Wiederholungen mit zwei 82-Kilo-Kurzhanteln. Einen Fehler beging er aber doch: Er wärmte sich selten auf und griff gleich zu den schweren Gewichten. Das alles rächte sich später in Form einer Arthritis – nach so vielen Jahren hatte das Übertraining seinen Körper ausgezehrt. Clancy Ross gewann beim NABBA Pro Mr. Universe 1955 in London seine Größenklasse, Bestform besaß er jedoch nicht. Er hatte vor dem Wettkampf eine schwere Grippe erlitten und zehn Kilo Muskeln verloren. Aber Clancy war jemand, der seine Fans nicht enttäuschen wollte, daher trat er trotzdem an. Gesamtsieger der Profis wurde Leo Robert aus Kanada, der anschließend seine Wettkampfkarriere beendete. Den Gesamtsieg der Amateure holte sich Mickey Hargitay. Seine Trainingswut führte Clancy zum Vize-Titel beim Mr. USA 1956 (hinter Bill Pearl), aber leider auch zu seiner zweiten Scheidung, da Lois mit ihrem Leben als „Studio-Witwe“ nicht zufrieden war.

 

Trotz der Scheidung blieben beide aber bis zuletzt gute Freunde. Seine letzten Jahre verbrachte Clancy in einem Altersheim mit seinen beiden Freunden Auben und Margorie, die beide heute noch Kontakt zu seiner Familie und zu seinen Nachkommen haben. Kurz bevor er mit 84 Jahren starb, hatte Clancy noch die Idee, in dem Altersheim, wo er lebte, ein Gesundheitsstudio zu eröffnen. Er wandte sich an seine Freunde, darunter auch Joe Weider. Dieser versprach ihm, das gesamte Gerät zu liefern, das er benötigte. Aber leider starb Clancy, „The King of Bodybuilders“, am 30. April 2008 und konnte seinen letzten Traum nicht mehr verwirklichen. Der Name von Clancy Ross lebt aber weiter – als einer der größten und stärksten Natural- Bodybuilder aller Zeiten…

von Robert Kennedy ET AL.

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Text mit freundlicher Unterstützung der Sportrevue

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