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Doping im Studio

Wenn Trainig allein nichts mehr bringt an Muskelmasse, wird chemisch nachgeholfen – mit katastrophalen Nebenwirkungen.

Experten schätzen, dass rund 200.000 Studiobesucher Anabolika schlucken. Sie nehmen meist in einer „Kur“ verschiedene Präparate kombiniert über einen Zeitraum von mehreren Wochen ein und riskieren damit auf Dauer Herzversagen und Zeugungsunfähigkeit.

„Tom“ ist in den Zwanzigern, geht seit zwei Jahren regelmäßig in der Woche ins Fitnessstudio und trainiert mit schweren Gewichten. Doch in der letzten Zeit tut sich einfach nichts mehr. Obwohl „Tom“ die Übungsfrequenz erhöht hat, wollen die Muckis nicht mehr wachsen. Da greift der Möchtegern-Muskelprotz zu einem Mittel, sagen wir Stanozolol, das er über das Internet bestellt hat. Es zeigt Wirkung – die Muskeln wachsen wieder, aber zu welchem Preis?

„Tom“ steht stellvertretend für gut ein Fünftel aller männlichen Studiobesucher, die nach Erhebungen des Lübecker Mediziners Dr. Carsten Boos aus dem Jahr 1998 zu leistungsfördernden Mittel greifen. Sie dopen sich, ohne Leistungssportler zu sein. Die EU hat jetzt eine Studie veröffentlicht, die zwar geringere Missbrauchsraten ausweist, aber dennoch „alarmiert“, wie Dr. Christiane Peters findet. Die Sportwissenschaftlerin von der Technischen Universität München hat an der EU-Studie „Dopingbekämpfung in kommerziell geführten Fitnessstudios“ mitgearbeitet. Demnach nehmen 5,7 Prozent aller Studiobesucher regelmäßig leistungsfördernde Mittel, vor allem Männer. Der gefährliche Trend: Es gibt immer mehr Anabolikamissbrauch im Breitensport. Mehr und mehr Menschen wollen in ihrem Freizeitsport sichtbar etwas leisten. Sie sehnen sich nach Bewunderung und Respekt, die sie für wachsende Muskelberge zu bekommen meinen.

Die Natur hat Grenzen gesetzt fiir Muskelwachstum: Der Lübecker Mediziner Boos geht davon aus, dass das genetisch vorgegebene Potenzial nach zwei Jahren regelmäßigen Trainings erschöpft ist. Ein Plus an Muskelmasse ist dann nur noch schwer zu erreichen und Fortschritte sind meist so klein, dass sie kaum bemerkt werden. Viele, die diesen Frust nicht erleben wollen, helfen chemisch nach: Eine sechs- bis achtwöchige Kur mit Anabolika (Wachstumshormonen) baut Muskeln auf, parallel geschluckte Diuretika entwässern den Körper, damit sich die Muckis deutlich unter der Haut abzeichnen. Was äußerlich betrachtet für „Tom“ schön sein mag, hat starke Nebenwirkungen: Akne, übermäßiges Schwitzen, Gelenkschmerzen und erhöhte Reizbarkeit sind in jedem Studio bekannt. Darüber hinaus kann aber schon eine einmalige Kur dazu führen, dass die Hoden weniger Spermien produzieren. Nicht, dass die sexuelle Lust unter den Tabletten schwinden würde – im Gegenteil, bei 25 Prozent der Betroffenen ist sie gesteigert – aber die Zeugungsfähigkeit leidet, die Hoden schrumpfen. Bleibt es nicht bei einer Kur, werden die Mittel also immer wieder geschluckt, können irreversible Schäden entstehen, mahnt die Sportwissenschaftlerin Christiane Peters. Die Tabletten können auch den Herzmuskel so schnell anwachsen lassen, dass er nicht mehr in allen Bereichen immer ausreichend Sauerstoff bekommt. Kleinste Verletzungen sind die Folge. Mehrere plötzliche Todesfälle durch Herzversagen bei Sportlern werden mit dem Missbrauch von Anabolika in Zusammenhang gebracht.

Was im Profisport verboten ist und durch regelmäßige Doping-Kontrollen wenigstens eingedämmt wird, kann im Freizeitsport nur sehr schwer überwacht werden. „Die Kunden sind nicht unsere Leibeigenen“, sagt Dr. Rolf Krempel, Geschäftsstellenleiter des Verbandes deutscher Fitness- und Freizeitunternehmen (VDF). Der VDF versucht mit einer Ehrenerklärung gegen Doping vorzugehen: Seine Mitglieder müssen versichern, dass die Mittel im Studio weder gehandelt noch konsumiert werden. Wer dagegen verstößt, wird rausgeworfen, das gilt für Kunden und Verbandsmitglieder. Oftmals sind es die Krankenkassen, die den illegalen Handel mit Dopingmitteln aufspüren. Die DAK beispielsweise bekommt von den Apotheken rund fünf Millionen Rezepte im Monat, die sie gezielt in einem speziellen Fachzentrum in Bremen auf Rezeptbetrug hin überprüft. So ist zum Beispiel der Fall von mehreren Apotheken ans Licht gekommen, die mit Fehlern übersäte Rezepte eingelöst haben. Auf den Vordrucken eines Zahnarztes war vielfach Genotropin im Wert von jeweils 5.500 Euro verschrieben worden. Genotropin ist ein Wachstumshormon für Kinder. Die Apotheken haben es herausgegeben, obwohl die Patienten keine Kinder waren und dieses Medikament sonst nie von Zahnärzten verordnet wird. Es ist wahrscheinlich in ein Fitnessstudio gelangt. Die Sache ging an die Kriminalpolizei.

Doch Dopingwillige müssen mittlerweile nicht einmal mehr eine Apotheke aufsuchen: Zahlreiche Internet-Seiten bieten die hierzulande verbotenen Mittel an. Die Bezahlung läuft über Kreditkarte, der Versand per Post, alles ganz einfach. „Hier hat man eine geringere Hemmschwelle“, erklärt Sportwissenschaftlerin Peters den regen Webhandel und warnt, dass viele Verpackungen aus dem Netz nur eine unzureichende Beschriftung haben. „Man kann nicht sicher sein, was genau indem Mittel ist.“ Der dringende Rat der Sportwissenschaftlerin: Finger weg von Leistungsförderern, egal ob aus dem Internet oder sonst woher. Wer sich ausgewogen ernährt, nach individuellem Programm trainiert und dabei viel Schweiß vergießt, hat beste Aussichten auf einen Traumbody.

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